Im Frühjahr 2025 schließt sich ein Kreis: Mit der Buchveröffentlichung über Wilhelm Wehner und einem Besuch Schweinfurter Naturfreund:innen an der Bakuninhütte kehrte die Geschichte eines Freiheitsdenkers an einen ihrer Ursprungsorte zurück.Im April 2025 erschien das Buch „Wilhelm Wehner – Anarchist, Syndikalist, Antimilitarist, Freigeist und Naturfreund“ von Norbert Lenhard, herausgegeben von der Initiative gegen das Vergessen Schweinfurt. Die Publikation folgt den Spuren eines Menschen, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Idee einer herrschaftsfreien Gesellschaft konsequent lebte – in Betrieben, Vereinen und im Alltag. Grundlage sind über 600 Fotografien und Dokumente aus dem Nachlass, entdeckt von Brigitte Wehner, der Enkelin des Schweinfurter Anarcho-Syndikalisten.
Das Buch ist in thematische Kapitel gegliedert: von Kindheit und politischer Formierung über antimilitaristische Prozesse vor 1914 bis zu Wehners Engagement in der FAUD, seinen Verfolgungen während der NS-Zeit und seinem Wirken in der Nachkriegszeit. Besonders eindrucksvoll ist die dichte Verbindung aus biografischen Details, historischen Fotos und Kontexten der Arbeiter:innenbewegung.
Wehners Biografie steht exemplarisch für die Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg die Hoffnung auf eine gerechtere Gesellschaft nicht aufgab. Seine Haltung speiste sich aus den Erfahrungen der Revolution 1918/19 – in Schweinfurt rief er die Republik aus, während im nahen Meiningen Akteure wie Otto Walz im Arbeiter- und Soldatenrat aktiv waren. Sie teilten ihre Systemkritik und ihren Antimilitarismus, wie er sich im Symbol des „zerbrochenen Gewehrs“ der Kriegsgegner spiegelte, und verbanden ihn mit den Ideen des gewerkschaftlichen Anarchismus – beeinflusst von Gustav Landauer und Rudolf Rocker.

Versammlung an der Bakuninhütte anlässlich ihrer Einweihungsfeier zu Pfingsten 1928. 2. v. r. mit Uhrenkette wahrscheinlich Johann Martin Heß, 4. v. r. Wilhelm Wehner, unten v. r. Lore und Helmut Wehner, alle aus Schweinfurt. ©Nachlass Wilhelm Wehner
„Auch Wilhelm Wehner konnte der Anziehungskraft dieser Begegnungsstätte nicht widerstehen.“ Eine Station, die für Wehner besondere Bedeutung hatte, war die Bakuninhütte bei Meiningen. Hier trafen sich in den späten 1920er Jahren Gleichgesinnte aus Thüringen, Franken und Hessen – Arbeiter:innen, Freidenker:innen, Naturfreund:innen. Zwischen Schweinfurt und Meiningen bestand eine lebendige Verbindung, getragen von libertären Naturfreunden, die Wandern und politische Selbstbildung als Teil derselben Emanzipationsbewegung verstanden. Aus der gemeinsamen Zeit in der FAUD und den Besuchen an der Bakuninhütte erwuchs eine enge Verbundenheit zwischen Wilhelm Wehner und Fritz Scherer, der als Hüttenwart die Entwicklung des Ortes über viele Jahre prägte. Ihre Verbindung hielt über politische Umbrüche und Lebensphasen hinweg an.
Aus den Jahren 1928 und 1931 sind seine Besuche an der Hütte mit den Kindern Lore und Helmut sowie anderen Gleichgesinnten belegt. Die Einweihungsfeier zu Pfingsten 1928 war der Moment, in dem die Bakuninhütte aus einem Bauprojekt zu einem realen sozialen Ort wurde – Treffpunkt, Symbol und praktischer Ausdruck einer freiheitlichen Arbeiterkultur. Der reichsweiten Einladung vom Siedlungsverein „Gegenseitige Hilfe“ folgten die Schweinfurter Wilhelm mit seinen Kindern Lore und Helmut Wehner, Adam Rabenstein, Karl Raab und Betty Streit, wie eine Postkarte an den Anarchosyndikalisten Fritz Oerter und eine Fotografie belegen.
Auf den Spuren Wilhelm Wehners
Zum 140. Geburtstag Wilhelm Wehners (22. Mai 1885 – 29. Mai 1968) besuchte am 24. Mai 2025 eine Gruppe Schweinfurter Naturfreundinnen und Naturfreunde die Bakuninhütte. Ihr Tagesausflug verband eine Wanderung mit einer historischen Einführung durch den Wanderverein Bakuninhütte e. V. Die Gäste waren sehr angetan von den Infos und den Eindrücken, die sie mitnahmen.
Anlässlich der Buchveröffentlichung entstand als Beigabe zu jedem der 300 Exemplare als ein Handpressendruck vom historischen Eintrag Wehners und Wörmers im Hüttenbuch der Bakuninhütte von 1931: „Heiße Tage schickt der Himmel …“
Der Druck wurde gesetzt aus Bleibuchstaben, gedruckt auf einer Heidelberger Presse in der Werkstatt „Werkdruck“ in Schweinfurt.



