‘Sich fügen heißt lügen!’ – Erich Mühsam und die Bakuninhütte

4. Oktober 2020 bis 30. Januar 2021
im Naturfreundehaus Charlotte Eisenblätter in Erfurt

Die Kunde von der Bakuninhütte erreichte auch Erich Mühsam weshalb er mehrmals bei den Meininger Syndikalist*innen zu Gast war.

In dem folgenden Beitrag berichtet der Zeitzeuge Karl Gültig davon, wie er 1930 Erich Mühsam kennen lernte, an der Bakuninhütte bei Meiningen. Er stammte aus Offenbach und war zeitweise erster Vorsitzender der Reichsinformationsstelle der Syndikalistisch-Anarchistische Jugend Deutschlands (SAJD).

Der Ausschnitt ist Teil eines Interviews, welches unter anderem veröffentlicht wurde in dem Audio-Beitrag von Alexander Upping: War einst ein Anarchisterich, Erinnerungen an Leben und Werk von Erich Mühsam, aus Anlass seines 50. Todestages.

Stationen der Ausstellung

Die Ausstellung „Sich fügen – heißt lügen“ zeigt die Geschichte der Bakuninhütte und das ideengeschichtliche Umfeld, aus dem sie entstand. Einer Einführung in die Geschichte des Anarchismus und Syndikalismus folgt ein Streifzug durch Frühformen der alternativen Lebenskultur, den lebensreformerischen Welten: Wandervogel- und Vagabundenbewegung, Siedlungs- und Genossenschaftsbewegung, Reformpädagogik, Antimilitarismus und Atheismus, Freie Liebe, Sexualhygiene und Vegetarismus.

Erich Mühsam

Erich Mühsam lebte seine Vorstellung von Anarchismus und somit gehört seine Persönlichkeit in einem weit größeren Ausmaß, als dies bei anderen Schriftstellern der Fall ist, zu seiner Wirkung dazu. Sein vielseitiges Werk spiegelt sein politisches Wirken wie seine Verbundenheit zum Theater und Kabarett, zu anderen Intellektuellen, zur Boheme sowie herrschaftslose Gesellschaftsordnung wider. Seine Kindheit und Jugend verbrachte Mühsam als Zeitgenosse Heinrich und Thomas Manns im Lübeck der „Buddenbrooks“. Ab 1900 arbeitete Erich Mühsam als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin und München.
Das Leben in der Boheme war für ihn das konsequente Gegenmodell zur Bürgerwelt der Väter. Die Münchener Räterepublik von 1918/19, an der Erich Mühsam an der Seite von Gustav Landauer und Ernst Toller führend beteiligt war, wurde zu einem einschneidenden Ereignis in seinem Leben. Während der anschließenden Festungshaft setzte er sich kritisch mit den Revolutionsereignissen und der marxistischen Geschichtsauffassung auseinander. Nach seiner Entlassung Ende 1924 versuchte er im Berlin der Weimarer Republik vergeblich, linke Kräfte für eine gesellschaftliche Revolution und gegen den heraufkommenden Faschismus zu bündeln.
Als jüdischer Intellektueller und Anarchist wurde Erich Mühsam eines der ersten Opfer der Nationalsozialisten, die ihn in der Nacht des Reichstagsbrandes im Februar 1933 verhafteten. Nach schweren Misshandlungen und Folter wurde er im Juli 1934 im KZ Oranienburg ermordet.
Natürlich wird auch die Geschichte der Bakuninhütte und ihres Erbauerkreises ausführlich dargestellt. So verdeutlichen unter anderem selbstgefertigte Originalwerkzeuge die Mühsal beim Bau der Hütte. Die letzten Stationen veranschaulichen die Nutzung der Bakuninhütte nach 1933, nach 1945 und nach 1990 bis in die heutige Zeit.

Frauen u.a. aus Kassel vor der Bakuninhütte (© bakuninhuette.de)

Die Bakuninhütte entstand in den 1920er Jahren auf einer Selbstversorgungsfläche hungernder ArbeiterInnen. Diese kamen aus Meiningen und Umgebung und waren überwiegend in der syndikalistischen Gewerkschaft Freie Arbeiter Union Deutschland (F.A.U.D.) organisiert. Auf dem einstigen Gemüsefeld wurde im Laufe der Jahre erst eine einfache Schutzhütte und später ein Steinhaus gebaut. Es gründete sich der „Siedlungsverein Gegenseitige Hilfe“.
Schnell verbreitete sich die Kunde von diesem wunderschönen Ort. Neben der sonntäglichen Nutzung als Ausflugsziel für Menschen aus der Region und als Urlaubsstätte für Arbeiter*innen aus dem damaligen Reichsgebiet, fanden überregionale Treffen u.a. der syndikalistisch-anarchistischen Jugend statt. 1932 wurde der letzte Erweiterungsbau begonnen.
Doch schon wenig später kam es zur Enteignung durch die Nationalsozialisten; bis 1945 diente die Bakuninhütte der SS, der NS-Jugend und Privatpersonen. Nach erneuter Enteignung wurde sie dem SED-Kreisvorstand Meiningen übertragen und erst landwirtschaftlich, später als FDJ-Jugendferienlager, als Stützpunkt für jugendliche Naturforscher und als Übungsgelände der Bereitschaftspolizei genutzt. Nach der Wende scheiterten Bemühungen um Rückübertragung und erst 2005 gelang es, das Anwesen zu erwerben. Seitdem bemüht sich der Wanderverein Bakuninhütte, diesen Ort wieder der Allgemeinheit zugänglich zu machen.

Heute ist das Naturfreundehaus Bakuninhütte eines der letzten baulichen Zeugnisse der in Vergessenheit geratenen anarchosyndikalistischen Bewegung und darum Kulturdenkmal.

Wann & Wo

Die Wanderausstellung wird an verschiedneen Orten zu sehen sein.
Vom 04.10.2020 – 30.01.2021 gastiert sie im Erfurter Naturfreundehaus Charlotte Eisenblätter.

Weitere Informationen

Hier gibt es detailiertere Informationen zum Rahmenprogram der Ausstellung in Erfurt, sowie zur Eröffnung in Erfurt und zum Vorabendkonzert in Meiningen.

Weitere Ausstellungen:

Die Wanderausstellung “‘Sich fügen heißt lügen’ – Erich Mühsam und die Bakuninhütte” ist die aktuellste von bisher drei Ausstellungen zur Geschichte der Bakuninhütte, entwickelt und realisiert von der AG Ausstellung des Wandervereins Bakuninhütte e.V..