Das 1920 von dem Siedlungsverein für Gegenseitige Hilfe eingerichtete Gelände, das zunächst als gartenbauliche Fläche für die Selbstversorgung der Vereinsmitglieder diente, auf dem dann ab 1926 eine Schutzhütte als Gedenkort, Ausflugsziel, Wanderstation und Freizeit- und Urlaubsstätte ausgebaut und dem Sozialrevolutionär Michail Bakunin gewidmet wurde, stellt ein wissenschaftlich und heimatgeschichtlich bedeutendes Objekt dar, das als Denkmal in seinem Bestand unbedingt geschützt werden sollte.
Die Bakuninhütte ist darum einzigartig, weil es überhaupt nur wenige bauliche Relikte gibt, die in ähnlicher Weise exemplarisch für die Geschichte der unabhängigen Reformbewegungen in Deutschland im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts stehen und die Erinnerung an diese spezifische Verknüpfung von politischen Zielen, wirtschaftlicher Selbsthilfe und gemeinschaftlicher naturnaher Freizeitgestaltung jenseits von Großorganisationen wie Parteien, Kirchen und Massengewerkschaften in das 21. Jahrhundert transportieren können. Die Bakuninhütte dokumentiert, wie in Meiningen die demokratische Freiheit der Weimarer Republik von den Mitgliedern der „Freien Arbeiter Union Deutschlands“ genutzt wurde, um für sich, ihre Anhänger und zunehmend weitere Kreise einen Ort der Gemeinschaft zu schaffen. Die Räume und Außenanlagen zeigen deutliche Spuren, die auf die Betätigung im Freien (Freizeit und Erholung), die gesellschaftspolitischen Anliegen (Namensgebung, Mitgliedschaft) und die Gemeinschaftserfahrung (Außengelände, Tagesräume) verweisen.
Mit seinem Siedlungs- und Selbsthilfeprojekt bewegte sich der unabhängige Meininger Arbeiterverein FAUD im Spektrum der deutschen Jugendbewegung.1 Diese hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals im vorwiegend bürgerlichen „Wandervogel“ artikuliert, differenzierte sich nach dem Ersten Weltkrieg aber in ein breites Spektrum von Gruppierungen aus.2 Die Bündische Jugend und viele lebensreformerische Projekte der Erwachsenengeneration griffen die Impulse des Wandervogel für eine gemeinschaftliche, naturnahe und überwiegend völkisch-„deutschbewusste“ Lebensführung auf, so auch in Meiningen, wo bereits zwischen 1909 und 1911 eine Ortsgruppe des Alt-Wandervogel, seit 1912 auch eine Mädchengruppe bestand.3 Ein Zentrum dieser Bewegung war zwischen 1920 und 1933 die Jugendburg Ludwigstein, Sitz des Reichsarchivs der deutschen Jugendbewegung, der Vorläufer des Archivs der deutschen Jugendbewegung (AdJb). Gegründet von ehemaligen Frontsoldaten als Ehrenmal für die gefallenen Wandervögel des Ersten Weltkriegs wurde die hessische Burg an der Grenze zu Niedersachsen und Thüringen zu einem Ort zahlreicher überbündischer Treffen und Veranstaltungen. Verbunden mit dem Deutschen Jugendherbergswerk, aber in eigener Regie baute der Verein die verfallene Burg zu einer Herberge aus. Hier widmete die Freideutsche Jugend 1921 eine Linde am Fuß des Burgbergs dem kurz zuvor von rechtsradikalen Republikgegnern ermordeten Hans Paasche (1881–1920), als erstes Naturdenkmal für einen Pazifisten überhaupt.4 Die enge Verflechtung mit vielen Projekten und Personen machte die Burg Ludwigstein zu einem Symbolort des Wandervogel und der Jugendbewegung.5 Das Archiv der deutschen Jugendbewegung verwahrt bis heute die schriftliche Überlieferung, darunter viele Quellen aus Thüringen und dem Meininger Raum.6 Das Schularchiv des Reforminternats Wickersdorf und der Nachlass seines Gründers Gustav Wyneken sind hier ebenso zu finden wie beispielsweise eine zentrale Fotoüberlieferung zur Leuchtenburg und der dort zeitweise ansässigen Neuen Schar des Friedrich Muck-Lamberty.7
Anders als die zunehmend völkisch dominierten Zweige der bündischen Jugend formierten sich im Milieu der Arbeiterjugendbewegung internationalistische, darunter auch anarchosyndikalistische Strömungen, denen die FAUD zuzurechnen ist.8 Zwischen den meist bürgerlichen „Bündischen“ und den Zusammenschlüssen der Arbeiterjugend gab es kaum organisatorische Schnittmengen, wie auch das Meininger Beispiel zeigt. Gerade die Gruppierungen der Arbeiterjugend rangen in ideologisch-kämpferischer Abgrenzung voneinander um neue Anhänger. Dennoch teilten viele dieser Gruppen untereinander und mit den bürgerlich Jugendbewegten als gemeinsame Perspektive ein „bündisch“-jugendliches Lebensgefühl und die Hoffnung auf ein friedliches „überbündisches“ Zusammenleben. Das Engagement für die „Reichsferienlager“ 1930 an der Bakuninhütte, 1931 und 1932 bei Suhl wie auch die dortige Musizierpraxis verbinden die Bakuninhütte mit der allgemeinen Jugendbewegung.
Gerade in Thüringen gab es zwischen 1918 und 1933 in diesem Zusammenhang eine Reihe von Projekten, die das dort um die Jahrhundertwende entstandene „Laboratorium der Moderne“9 in dem Bemühen weiterführten, die Grenzen zwischen den Klassen und Schichten zu überwinden. Dazu zählen insbesondere die thüringischen Volkshochschulen als neue Richtung der Erwachsenenbildung; deren bekannteste Einrichtung war die 1919 gegründete ländliche Heimvolkshochschule in Dreißigacker bei Meiningen, von der heute nichts mehr erhalten ist.10 Sein Gründer, Eduard Weitsch, verfolgte die „Idee einer proletarischen Jugendkultur“ und war überzeugt „von der ,Notwendigkeit der Erziehung einer denkfähigen Generation‘ durch die ‚Sozialisierung des Geistes‘, d. h. der Hinführung aller zu geistiger Selbständigkeit“.11
Diese Hinweise auf die Präsenz von Jugendbewegung und Lebensreform in Meiningen und im Thüringer Umland sollen skizzieren, in welchen Resonanzraum hinein die Betreiber der Bakuninhütte vor 1933 wirkten. Das Wissen und die Erinnerung an diese lebendige demokratische Jugend- und Arbeiterkultur zu bewahren und künftigen Generationen weiterzugeben, ist die Aufgabe, die sich an den Erhalt des Denkmals knüpft und die Denkmalfähigkeit des Gebäudes begründet.
Dr. Susanne Rappe-Weber
Archiv der deutschen Jugendbewegung
Burg Ludwigstein
37214 Witzenhausen
Anmerkungen:
1 Ulrich Linse: Die anarchistische und anarcho-syndikalistische Jugendbewegung 1918–1933. Zur Geschichte und Ideologie der anarchistischen, syndikalistischen und unionistischen Kinder- und Jugendorganisationen, Frankfurt a. M. 1976.
2 Vgl. als Überblick zuletzt: Ulrich G. Großmann (Hg.): Aufbruch der Jugend. Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung (Ausstellungskatalog), Nürnberg 2013.
3 Vgl. zur Entwicklung des Wandervogel und der bündischen Jugend in Meiningen: Hans Albrecht: Ein Beitrag zur Geschichte der Ortsgruppe Meiningen im Wandervogel e. V. und in seinen Nachfolgeorganisationen Bündnis freier Wandervogelgaue, Bund der Wandervögel und Pfadfinder und Deutsche Freischar, unveröff. Manuskript, Köln 1980 (AdJb, B 217-012).
4 Vgl. Stephan Sommerfeld: Die Paasche-Linde auf dem Ludwigstein – mehr als ein Baum, in: Historische Jugendbewegung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung NF 5 / 2008, S. 95–108.
5 Vgl. Ulrich Linse: Der Wandervogel, in: Étienne François, Hagen Schulze (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 3, München 2001, S. 531–548.
6 Dazu zählt das handschriftliche Gästebuch für das Landheim Gleimershausen des Wandervogel und der Freischar Meiningen (1911–1933) (AdJb, Ch 1 Nr. 453) sowie die Fahne der Deutschen Freischar Hennegau, Ortsgruppe Meiningen von 1931 (AdJb G 1 Nr. 64).
7 Auf der Leuchtenburg fand z. B. 1925 eine Tagung des Vereins „Freiwirtschaft durch Freiland und Freigeld“ statt, dessen auf Silvio Gesell fußende Positionen auch in der Arbeiterjugendbewegung aufgegriffen wurden; vgl. dazu die Fotoserie von Julius Groß in: AdJb, F 1 Nr. 113.
8 Vgl. allgemein zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung: Heinrich Eppe, Ulrich Herrmann (Hg.): Sozialistische Jugend im 20. Jahrhundert. Studien zur Entwicklung und politischen Praxis der Arbeiterjugendbewegung in Deutschland, Weinheim 2008.
9 Justus H. Ulbricht: „Kernland“ – „Herzland“ – „Neuland“. Thüringen um 1900 als Laboratorium der Moderne, in: Historische Jugendforschung. Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung NF 3 / 2006, S. 23–40.
10 Vgl. Unterlagen zur Heimvolkshochschule Dreißigacker im AdJb, z. B. Mitteilungsblatt des Bundes des Schüler und Freunde des Volkshochschulheimes Dreißigacker, 1925–1930 (AdJb, Z/ 100 2016).
11 Zitiert nach: Bettina lrina Reimers: Die neue Richtung der Erwachsenenbildung in Thüringen 1919–1933 (Geschichte und Erwachsenenbildung 16), Essen 2003, S. 131.

